Du lauschst noch den dumpfen Worten deiner Familie durch die mit Eiskristallen besetzte Tür, die du von außen schließt. Du läufst los, hinten durchs Gartentor, ignorierst den Schotterweg, quer durch den Wald, eine Böschung hinunter und eine imaginäre Linie immer geradeaus. Mit jeder Windböhe schiebt sich der Schnee durch deine so weit wie möglich geschlossenen Augenlieder und stellt jeden Gedanken in Frage, der versucht in diesem Schneegestöber einen Weg zu finden. Noch fühlst du die satte Trägheit des von den Körpern deiner Familie gewärmten Zimmers, aus dem du dich gewunden hast, wie ein Reptil aus seiner Haut, kein Wunder, dass dir kalt ist. Deine Flucht in diese unbeherrschte Natur kommt dir jetzt schon albern vor, was soll das mit dieser ganzen Landschaft und dem immer tiefer werdenden und lauter knarrzenden Schnee?
Während du einen Fixpunkt im Weiß suchst, verwandelt dein Körper diese ganze Anstrengung in eine dumpfe Ruhe, so dass auch die endlose Wiederholung peitschender Äste nur einen angenehm tauben Schmerz hinterlässt. Der Schnee legt sich ja eh über alles, was eine Form hat und der Wald ist eh nur ein abstrakter Raum, mit den dunklen vertikalen Bäumen, die sich mit jedem Schritt endlos widerholen. Deine Oberschenkel brennen und die Polyesterfasern deiner Hose reiben sich an deiner schwitzenden Haut, bislang ist deine Antwort auf die Frage warum du losgelaufen bist, nur die Müdigkeit. Du willst dich hinter jedem Baum verstecken, aber du hast Angst vor dem Erfrieren, kleben zu bleiben, wie eine nasse warme Zunge am vereisten Gestein. Irgendwie steckst du fest, wie ein dreckiger Eiszapfen im von den Jahren der Widerholung morsch gewordenen Holz. Die Natur will sicher, dass du Wurzeln schlägst, dich tief im Boden verankerst, Teil von allem wirst. Hörst du den erfrorenen Specht?
Auf dem Rücken eines Felsens nimmst du einen tiefen Atemzug, stehst da in der Stille mit der sich langsam in dir erwärmenden Luft, bis die Angst vor dem Ersticken sich zu einem einzigen Gedanken formt; gut dass du nicht im Schnee liegst, stumm und atemlos, gut, dass dieser Adrenalin verseuchte, Blut pumpende, Welt verzehrende, ständig ausscheidende, verwesende Körper wenigstens zusammenhängt, immer wieder gehbereit. Und dann drückst du die Luft aus deiner Lunge und schreist, so laut, dass du einen Schnitt an deiner Kehle spürst. Dein Schrei gleitet über das staubige Geröll und tastet die Risse im Kalkstein ab, bevor er gegen eine Felswand knallt und an den scharfkantigen Wänden zersplittert, ohne Echo, nur entartete Kaskaden zerhackten Lärms.
Je näher du dem Felsmassiv kommst, das hinter jeder Biegung wieder auftaucht, desto mehr wächst in dir die Hoffnung, diese Wanderung könne doch noch irgendwas Erhabenes bekommen, so als ob du losgegangen wärst, um irgendetwas auszugleichen, deine Geburt zum Beispiel. Beim Gehen setzt du deine Füße voreinander, als hättest du ein Ziel und wiederholst diese kleine Geste deiner Beine, »deine Bewegungen werden zu einer einzigen großen Bewegung« hat jemand gesagt, eine Kette, von der du nur noch weißt, wo sie mal angefangen hat. Dabei vertiefst du dich in die Welt, bis du fast verschwunden bist, irgendwo in den Details der Natur, nur der kleine Ausschnitt vor dir mit dem aufgewirbelten Schnee, bis du selbst der Rhythmus bist. Also, wenn der Weg das Ziel sein soll, dann ist das Gehen die Belohnung.
Der Schnee hat eben genau die richtige Temperatur, um Schnee zu sein und dein Tempo hast du auch gefunden, auf dem schmalen Grat zwischen Anstrengung und Erschöpfung. Im Gehen starrst du auf diese weiße Fläche, bis du dir wie ihr Gegenteil vorkommst, du bist das einzige nicht weiße hier, neben den erstarrten Grashalmen natürlich, der vom Schnee nicht verwehten Seite der Bäume, den vermoosten Felsbrocken und der braunen Pfütze, über die sich das Eis nicht schließen will. Das Leben erstarrt nicht, weil es sich bewegt, egal ob zwischen Dingen oder Menschen, das ist die Resonanz, die Neugier, die Liebe. Zu deinen Füßen hat der Wind ein erfrorenes Kaninchen freigelegt, das indem es versank, mit seiner letzten Wärme dem umliegenden Schnee seine Form gegeben hat, eine kleine Kule, über welche die Schneeflocken hinwegwehen, eigentlich war es doch schon verschwunden, denkst du.